Allgemeines


Durch Kino, Fernsehen und Romane wurde der Revolverheld - der Gunfighter- zur berühmtesten und

 schillerndsten Gestalt des sogenannten Wilden Westens. Zugleich aber entstanden viele falsche Vorstellungen über ihn, so dass es gar nicht so klar ist, wen man eigentlich als Revolvermann bezeichnen soll. Welche Berufe waren bezeichnend für den Revolvermann, wie viele Schiessereien wiesen jemanden als Gunfighter aus und wie viele Opfer musste er auf dem Gewissen haben? Solche Kriterien lassen sich nur schlecht festlegen. Alleine die genauere Bestimmung eines Revolverkampfes ist schwierig. Ist ein harmloser Schusswechsel bereits ein Revolverkampf und gehört Mord und Hinterhalt dazu? Oder kommt nur das klassische Duell in Betracht, der dramatische Zweikampf mit möglichst schnell gezogener Waffe? Letzteres z.B.  wird völlig falsch eingeschätzt! Kein Bild aus dem amerikanischen Westen ist so tief in den Köpfen der Western-Fans verwurzelt, wie die Darstellung des Revolverduells: Zwei Männer gehen, die Hand über dem Revolvergriff, aufeinander zu, um festzustellen, wer schneller ziehen und schießen kann. Dann eine jähe, kaum wahrnehmbare Bewegung, zwei nahezu gleichzeitig fallende Schüsse und ein Mann geht von der ersten Kugel getroffen zu Boden. Beliebt sind auch die Variationen, in denen der Revolverheld seinem Gegenüber in die Hand schießt oder den Widersacher sogar zuerst ziehen lässt. Eine zwar romantische, aber völlig unzutreffende Vorstellung.

Denn bei einem echten Gunfight kam es vor allem auf die Treffsicherheit und nicht unbedingt auf die Schnelligkeit an. Oft trugen die Revolvermänner ihre Waffe nicht einmal im Holster, sondern hatten ihn in der Gesäßtasche, im Hosenbund oder der Jackentasche stecken. Außerdem zog man ein Gewehr oder eine Schrotflinte fast immer der Faustfeuerwaffe vor. Denn es war nicht das vornehmliche Ziel einer Schiesserei den anderen Mann zuerst oder an der richtigen Stelle zu treffen, sondern es ging vielmehr darum, ihn überhaupt zu treffen. Es kam bei Revolverkämpfen öfters vor, dass die Männer ihre Waffen leer schossen, ohne ihren Gegner überhaupt zu treffen, bzw. ihn dabei nur geringfügig verletzten. Die Schnelligkeit beim Ziehen spielte keine Rolle, wie jeder weiß, der schon einmal versucht hat, mit einer Pistole oder einem Revolver ein bewegliches Ziel zu treffen, denn ein überhasteter Schuss geht hierbei meistens in den Boden oder die Wolken, trifft aber nur seltenst das anvisierte Ziel.

Falsch sind auch die Vorstellungen über die Anzahl der von den Revolvermännern erzielten tödlichen Treffer. Dem Gunfighter des wilden Westens wurden so viele Todesschüsse zugeschrieben (von den 21 Opfern eines Billy the Kid - Mexikaner nicht eingerechnet - bis hin zu John Wesley Hardin, welcher mehr als 40 Menschen getötet haben soll), dass ein Revolvermann wohl 6 - 8 mal hätte tödlich treffen müssen, um überhaupt als Revolverheld anerkannt zu werden. Die meisten Gunfighter töteten im Laufe ihrer "Karriere" nur wenig Männer. Bat Masterson z. B. brachte "nur" einen Mann um und war Zeit Lebens gerade mal an drei Schiessereien beteiligt. Es gibt keine bewiesenen Hinweise darauf, dass Billy the Kid mehr als vier Männer auf dem Gewissen hatte und selbst Hardin tötete aller Wahrscheinlichkeit nach allenfalls ein knappes Dutzend Männer und auf keinen Fall 40. Der typische Gunfighter feuerte seine Waffe nur gelegentlich auf andere Männer ab und zu Todesfällen kam es dabei nur höchst selten.

Der "normale" Revolvermann verdiente sich mit Hilfe der Waffe allerdings tatsächlich hauptsächlich seinen Lebensunterhalt. Von Beruf war er Ordnungshüter oder Detektiv, Büffeljäger oder Kundschafter beim Militär, Viehdieb, Räuber oder bezahlter Killer. Häufig kam es auch vor, dass Gunfighter beiden Seiden zu Diensten waren, im einen Jahr vor dem Gesetz flohen und im nächsten selber einen Stern trugen. Gelegentlich ließen sich auch Prospektoren (Männer die nach Edelmetallen, Öl und anderen wertvollen Rohstoffen suchten), Hochstapler, Postkutschenfahrer und Kopfgeldjäger auf Schießereien ein und viele Revolvermänner des wilden Westens verdingten sich zeitweise in aller Offenheit an Einzelpersonen oder Interessengruppen, die ihrer Macht zur Schau stellen oder mögliche Gegner ausschalten wollten. Überraschend hoch ist auch die Anzahl der Farmer und ehemaligen Farmer, die sich an Revolverkämpfen beteiligten. Selbes gilt auch für Kaufleute, Lehrer, Schauspieler und andere, die weniger gewalttätige Berufe ausübten. 

Auch wurden Männer gelegentlich durch Zufall zum Gunfighter. So wurden z.B. Cowboys in Weidekriege und somit auch in Schießereien verwickelt und professionelle Spieler oder passionierte Saloon- und/oder Bordellbesucher mussten sich gelegentlich um des Überleben willens den Weg freischießen.

Man kann durchaus sagen, dass von ein paar Ausnahmefällen mal abgesehen, der typische Gunfighter eine eindeutige Neigung zur Gewalttätigkeit hatte, auf Menschen schoss und seinerseits unter Beschuss genommen wurde. Er setzte sich der Gefahr aus, indem er den Sheriffstern trug, Menschen ausraubte oder sich mit gefährlichen Männern an nicht minder gefährlichen Orten einließ. War er dadurch tatsächlich ein Held? Die meisten waren gewalttätige Verbrecher und sicherlich keine Helden in dem Sinne, auch wenn es unter den Revolvermännern sicherlich auch Helden gab Im negativen, als auch positiven Sinne. Ganz bestimmt hatten aber die meisten, wenn nicht alle, nichts mit dem Revolverhelden zu tun, den man heutzutage aus Film, Fernsehen und Literatur zu kennen glaubt.

Die meisten Schießereien ereigneten sich zwischen den siebziger und den frühen achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts; in den neunziger Jahren kam es dann zu einem kurzen Wiederaufflackern. Im Grunde begann die Epoche der Gunfighter erst nach dem amerikanischen Bürgerkrieg, der zu erheblichen technischen Verbesserungen der Schusswaffen führte und in dessen Verlauf Tausende junger Männer an der Front dienten.

Zwar endete diese Epoche offiziell um die Jahrhundertwende, doch letzte Beispiele dieser Gunfighter-Tradition lassen sich noch bis in die zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts verfolgen, etwa als 1924 der Ordnungshüter Bill Tilghman niedergeschossen wurde und Polizisten den Outlaw Roy Daugherty töteten.

Texas war der gefährlichste Staat im ganzen Westen; allein dort fanden während der Epoche der Gunfighter insgesamt 160 Schießereien statt.
Der Bundesstaat Kansas, dessen Rinderstädte allerlei Revolvermänner anlockten,und New Mexico, wo es aufgrund des Lincoln Country War allein im Jahr 1878 zu mehr als 20 Schießereien kam, waren der Schauplatz von jeweils über 70 Revolverkämpfen.

Das weite, dünn besiedelte Arizona erlebte nahezu 60 Schießereien zwischen Revolverhelden, während es in Oklahoma zu mehr als 50 Gunfights kam, zumeist zwischen den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. In Kalifornien, wo es eine relativ gut organisierte Polizei gab, kam es dennoch zu mehr als 20 Schußwechseln. Colorado war der Schauplatz von rund 20 Revolvergefechten, und in Missouri und Wyoming fanden jeweils ein Dutzend Schießereien statt.
Aber die klassischen Revolvermänner setzten ihre Waffen auch fernab des amerikanischen Westens ein, in Florida etwa oder in Bolivien.

Die Spitznamen der Gunfighter

Die Menschen des amerikanischen Westens hatten eine Vorliebe für Spitznamen.
Oft und gerne belegten die Bewohner dieser letzten Grenze sich und ihre Zeitgenossen mit schmückenden Beifügungen, von Buffalo Bill Cody bis zu Snakehead Thomson.
Die Gunfighter, die zu den schillerndsten und bekanntesten Männern des Westens zählten, wurden so häufig mit Beinamen versehen, daß man bei vielen nicht weiß,
wie sie wirklich heißen. Billy the Kid zum Beispiel wurde nur selten Henry McCarty genannt, und noch heute ist man allgemein der Ansicht, sein Geburtsname habe
William Bonney gelautet.

Jesse James wurde häufig als Dingus bezeichnet, John Calhoun Pinckney Higgins wurde Pink genannt, George Weightman taufte man Red Buck, John Long hieß selbstverständlich Long John, und Henry Andrew Thomas kannte man nur als Heck. George Newcomb hatte einst für John Slaughters gearbeitet und wurde daher Slaughter`s Kid genannt ,und weil er so oft »ich bin ein wilder Wolf aus Bitter Creek/Und heut nacht muß ich heulen« sang, gab man ihm den Spitznamen
»Bitter Creek«. William Bartholomew Masterson wurde unter dem Namen Bat bekannt, wobei unklar ist, ob dies von seiner Angewohnheit herrührte, Gesetzesbrechern den Rohrstock über den Kopf zu ziehen (bat=Keule,Schläger), ob es sich um eine Kurzform seines zweiten Vornamens handelt, den er später in Barcley änderte,
oder ob damit seine Kämpfernatur (battle=das Gefecht, die Schlacht) umschrieben werden sollte.

Dazu gab es diverse Variationen von »Bill»; Buffalo Bill Brooks, Cherokee Bill (Crawford Goldsby), Curly Bill Brocius (William Graham), Wild Bill Hickok und
Wild Bill Longley, Old Bill Miner, Billy the Kid Claiborne, Texas Billy Thompson und Little Bill Raidler.

Zahlreiche Beinamen bezogen sich auf äußerliche Merkmale.
So gab es zum Beispiel einen Broken Nose Jack McCall oder Big Nose Curry, einen Longhaired Jim Courtright, einen Black Faced Charlie Bryant, einen Buckskin
Frank Leslie, einen Red Hall und Red Beard, einen Big Steve Long, den Big Indian (Bob Olinger), einen Three-Fingered Jack Dunlap und einen Cockeyed Frank Loving.
Will Christian war aufgrund seines dunklen Teints als Black Jack bekannt, und wegen seines Körpergewichts wurde er häufig Two-OTwo genannt.

Bestimmte Charakterzüge schlugen sich in Spitznamen wie Rowdy Joe Lowe, Happy Jack Morco, Bully Brooks, Mysterious Dave Mather, Human Wildcat (Juan Soto),
Bearcat (Henry Starr), und Wild Charlie (Zip Waytt) nieder. Es gab eine Vielzahl von »Kids«: Billy the Kid McCarty und Billy the Kid Claiborne ,Harry the Kid (Harry Head), Slaughter`s Kid (Georg Newcomb), Mormon Kid (Matt Warner), Kid Curry (Harvey Logan), und Sundance Kid (Harry Longabaugh).

Häufig bezogen sich die Spitznamen auf berufliche Vorlieben.
Der Berufsspieler John O`Rourke wurde Johnny-Behind-the-Deuce genannt, und der Bank- und Eisenbahnräuber Dan Clifton wurde als Dynamite Dick bekannt.
Der Zahnarzt John Holliday wurde gemeinhin Doc genannt, desgleichen Samuel Cummings, J.G. Scurlock und C.W. Shores, obwohl letztere niemals als Mediziner praktizierten. Ihren militärischen Rang verdankten Cap (von Captain) Mossmann und Cap Whitney,der die Arizona Rangers und eine Milizkompanie befehligt hatte, ihren Beinamen. Commodore Perry Owen allerdings war niemals Marineoffizier gewesen. Jim Miller, ein berüchtigter Mörder, wurde allgemein als Killer Miller und Killer Jim bezeichnet -wenn auch vermutlich nicht in seinem Beisein.

Quelle: Gunfighter, Enzyklopädie von Bill O'Neal