Der Viehtrieb


An den großen Viehtrieben nach Norden nahmen insgesamt über 35.000 Cowboys teil. Davon ungefähr ein Drittel Farbige und Indianer. Es wurden ca. 10 Millionen Stück Vieh und über 1 Millionen Pferde bis 1895 über die verschiedenen Trails getrieben. Da es mit nicht unerheblichen Schwierigkeiten verbunden war, so viele Tiere unter Kontrolle zu halten, schwankten die Größen der einzelnen Herden beträchtlich und der Treck musste sehr sorgfältig geplant werden.

*

Der Drover, entweder ein Rancher oder ein Viehkäufer, begann Anfang des Frühjahres die Herde zusammenzustellen und das Round-Up konnte beginnen. Die Rinder der verschiedenen Ranches wurden zusammengetrieben und erhielten ihr Brandzeichen. Dann wurde der Trail-Boss ausgewählt, dem die Cowboys während des Trails unterstanden. 

 

Ein Trail-Boss

 

Während ein normaler Cowboy im Schnitt zwischen 25,00 und 40,00 $ monatlichen Lohn bekam, konnte der Trail-Boss bis zu 125,00 $ im Monat verdienen, da er die Verantwortung für das Gelingen des Viehtriebs trug. Nicht ganz so viel Bezahlung wie der Trail-Boss, aber dennoch mehr, als ein Cowboy, erhielt der Koch, welcher  mit seinem Chuck-Wagon (Küchenwagen) die Herde begleitete. Da er für die Verköstigung zuständig war, handelte es sich bei ihm um einen der wichtigsten Personen eines Viehtriebes. 

Für die Pferde der Cowboys war der Wrangler verantwortlich. Die Remuda (Pferdeherde) folgte dem Rinderzug und jeder Cowboy hatte gewöhnlich 2 - 6 Pferde zu seiner Verfügung, wobei er das beste Pferd stets für die Nachtarbeit nahm.


Auf dem Trail

Eine Herde von 1000 - 1500 Rinder auf dem Trail zieht locker gestaffelt dahin, damit die Tiere nicht mit den Hörnern zusammenstoßen und nebenher grasen können. Die Treiber - ca. je ein Mann für 150 Rinder - haben verschiedene Aufgaben. Die Reiter an der Spitze (A) halten die Herde auf dem Trail und sind die ersten, die einen Fluß durchschwimmen oder fremdes Vieh vertreiben. Sie bestimmen den Weg der Herde, indem sie in die gewünschte Richtung abschwenken; die Leitkühe folgen dann. Die Flügelreiter (B) und die Flankenreiter (C) sorgen dafür, dass die Rinder nicht vom Trail abirren und holen ausbrechende Tiere zurück. Die Schlußreiter (D) kümmern sich mit Peitsche und Lasso um die schwachen, kranken Tiere am Trailende.

Hinter der Herde folgen Betten- und Küchenwagen und etwa 100 bis 300 Sattelpferde, die vom Wrangler versorgt werden. Er holt auch das Wasser und sammelt Holz oder Kuhmist für das Küchenfeuer. In der Nacht wird die Deichsel des Küchenwagens in die Richtung gedreht, in der es am nächsten Morgen weitergeht.


Zwei der erfahrensten Cowboys, die sogenannten Point-Riders (A), ritten an der Spitze und achteten darauf, dass der vom Trail-Boss eingeschlagene Weg auch eingehalten wurde. Hinter ihnen befanden sich an jeder Seite die Swing-Riders (B) und dann die Flank-Riders (C). Am Ende der Herde ritten die Drag-Riders (D), welche auf Nachzügler achten und den aufgewirbelten Staub der Herde schlucken mussten. 

In den ersten Tagen eines Triebes wurde die Herde zur Eile angetrieben. Man legte nach Möglichkeit 25 - 30 Meilen tagsüber zurück, um zu verhindern, dass die Tiere wieder umkehrten. Hinterher wurde das Treiben auf ungefähr 10 Meilen am Tag verlangsamt, was aber natürlich auch von den Gras- und Wasserverhältnissen abhing. Gegen Mittag konnten die Tiere trinken, um anschließend bis Sonnenuntergang grasend weiterzuziehen.  

Bei Einbruch der Nacht umritten die Cowboys die Herde in immer engeren Kreisen, bis diese als kompakte Masse gezwungen war, sich niederzulegen. Es hielten immer mehrere Cowboys Nachtwache, wobei sie langsam um die Herde herum ritten und Lieder summten oder sangen, um die Herde zu beruhigen.

Morgens ritt dann der Trail-Boss auf der Suche nach guten Schlafplätzen und Wasserstellen wieder voraus und zeigte den Weg an. Man musste immer darauf achten, dass die Tiere nicht in Panik gerieten und unkontrolliert davonstürmten, denn bei einer solchen Stampede konnte es zu erheblichen Verlusten an Tieren, Zeit und vor allem auch Menschenleben geben und die Cowboys hatten vor nichts mehr Angst, als vor einer Stampede. Gerade die Longhorns waren im Gegensatz zu anderen Tieren äußerst anfällig und gerieten sofort bei der geringsten Kleinigkeit, welche sie erschreckte, in Panik. So musste man z.B. darauf achten, dass man vor dem Tränken der Rinder alle Enten aus den Flüssen und Wasserlöchern verscheuchte, da der harte Flügelschlag einer plötzlich auffliegenden Ente ausreichen konnte, die Rinder so zu erschrecken, dass eine Stampede entstand. So hatten es Viehdiebe (Rustler) und Indianer recht leicht, eine Herde in Panik zu versetzen, um im folgenden Durcheinander ihre Viehdiebstähle zu begehen.

Wie hart es für die Cowboys auf solch einem Viehtrieb war, kann man aus den folgenden Notizen aus dem Tagebuch von George Duffield erkennen, welcher mit einer Herde Longhorns von Texas bis nach Kansas zog:

 

"War die ganze Nacht auf dem Pferd, und es regnete stark ..., 

hatten 60 Stunden keinen Bissen zu essen ...,

erschöpft ..., 

Wir zogen die Rinder den halben Tag lang mit Ochsen aus dem Schlamm.

Nichts als Brot und Kaffee ..., 

Auf meinem Rücken überall Blasen ..., 

wahnsinnige Kopfschmerzen ...

Wetter sehr heiss ...

Pferde alle am Ende, 

Männer auch."

 

So war es auch kein Wunder, dass die Cowboys dann lärmend durch die Saloons zogen und bis zum Morgengrauen zechten, tanzten und pokerten, wenn sie endlich in eine der Rinderstädte (Cattle-Towns), wie Abilene, Wichita oder Dodge City angekommen waren, was für sie wie eine Erlösung gewesen sein muss. 

 

Broadway Street in Abilene um 1875

 

Oftmals verloren sie hier in einer einzigen Nacht, den Lohn vieler Monate harter Arbeit und waren so nach dem Viehtrieb genau so mittellos, wie vorher.

Die Rinder, welche sie über tausende von Meilen getrieben hatten, wurden dann von den Cattle-Towns aus, mit der Bahn zu den großen Schlachthöfen in Chicago und anderen Großstädten transportiert.

Quellen: Der wilde Westen von G. Schomaekers